Technik

WordPress: Vor- und Nachteile aus Agentursicht

WordPress betreibt fast die halbe Website-Welt und ist trotzdem nicht immer die richtige Wahl. Eine ehrliche Abwägung aus über zehn Jahren Praxis.

Foto von Philipp Niedrich Philipp Niedrich Gründer & Strategie 12. Mai 2026 · 7 Min. Lesezeit

Vorab ein Bekenntnis: Ich habe viele Jahre fast ausschließlich mit WordPress gearbeitet. Hunderte Stunden in Page-Buildern, tief drin in Themes, Hooks und Datenbank-Eigenheiten. Dieser Artikel ist also keine Abrechnung von außen, sondern eine Bestandsaufnahme von innen. Und sie fällt differenzierter aus, als es die Lager auf beiden Seiten gern hätten: WordPress ist weder das alternativlose Standardwerkzeug noch der Dinosaurier, als der es manchmal dargestellt wird.

Wer heute eine Website plant, verdient eine ehrliche Abwägung statt einer Glaubensfrage. Hier ist sie.

Warum WordPress so groß geworden ist

Zunächst die Fakten: WordPress betreibt laut W3Techs rund 42 Prozent aller Websites weltweit. Unter den Websites mit erkennbarem Content-Management-System liegt der Anteil sogar bei etwa 60 Prozent. Kein anderes System kommt auch nur in die Nähe.

Dieser Erfolg ist kein Zufall. WordPress hat vor über zwanzig Jahren ein echtes Problem gelöst: Es machte das Veröffentlichen im Web für Menschen ohne Programmierkenntnisse möglich. Dazu kam ein offenes Ökosystem, in dem jeder Themes und Plugins beisteuern konnte. Das Ergebnis ist eine Infrastruktur, für die es zu fast jedem Problem eine fertige Lösung, zu fast jeder Frage ein Tutorial und in fast jeder Stadt jemanden gibt, der damit arbeiten kann.

Eine Begriffsklärung vorweg, weil sie ständig für Verwirrung sorgt: Gemeint ist hier die frei installierbare Software (bekannt über wordpress.org), nicht der gleichnamige Baukasten-Dienst wordpress.com. Die Software gehört dir und läuft auf deinem Hosting. Der Dienst ist ein Abo-Produkt mit eigenen Regeln. Wenn im Folgenden von WordPress die Rede ist, geht es um die Software.

Die Stärken: was WordPress wirklich gut kann

Redaktionsarbeit. WordPress ist im Kern ein Redaktionssystem, und das merkt man. Wer regelmäßig Beiträge veröffentlicht, mit mehreren Autoren arbeitet, Entwürfe, Revisionen und geplante Veröffentlichungen braucht, bekommt das alles eingebaut und ausgereift. Für inhaltsgetriebene Projekte mit hoher Veröffentlichungsfrequenz bleibt das ein starkes Argument.

Das Ökosystem. Mitgliederbereich, Veranstaltungskalender, Mehrsprachigkeit, Buchungssystem, Shop: Für nahezu jede Anforderung existiert ein Plugin, oft mehrere. Mit WooCommerce lässt sich ein vollwertiger Online-Shop betreiben, ohne das System zu wechseln. Diese Breite ist einzigartig und für Projekte mit vielen Funktionsanforderungen ein echter Zeitvorteil.

Unabhängigkeit. WordPress ist Open Source. Deine Website gehört dir, läuft auf nahezu jedem Hosting und lässt sich mitsamt Inhalten umziehen. Kein Abo-Modell eines Baukasten-Anbieters, keine Plattform, die Preise erhöhen oder Funktionen streichen kann. Dieser Punkt wird unterschätzt, bis man ihn braucht.

Selbstständige Pflege. Mit einem gut aufgesetzten System und modernen Werkzeugen können Kunden Texte, Bilder und Seiten selbst pflegen. Für Unternehmen, die häufig und eigenständig Inhalte ändern wollen, ist das ein legitimer und wichtiger Wunsch.

Die Schattenseiten: wofür du bezahlst

Jede dieser Stärken hat einen Preis, und der wird beim Verkaufsgespräch gern verschwiegen.

Wartung ist Pflicht, nicht Kür. Eine WordPress-Site besteht aus dem Kern, einem Theme und typischerweise zehn bis dreißig Plugins, und alle wollen regelmäßig aktualisiert werden. Updates können sich gegenseitig in die Quere kommen: Nach dem Plugin-Update ist das Layout verschoben, nach dem PHP-Update wirft ein altes Plugin Fehler. Wer nicht aktualisiert, sammelt Sicherheitslücken. Wer aktualisiert, braucht Backups und im Zweifel jemanden, der Konflikte auflöst. Das ist kein Drama, aber es ist ein dauerhafter Betriebsaufwand, der in jeder ehrlichen Kalkulation stehen muss.

Der Plugin-Zoo. Die Stärke des Ökosystems ist zugleich seine Schwäche. Plugins stammen von tausenden Anbietern mit sehr unterschiedlicher Qualität und Lebensdauer. Manche werden verwaist, manche nach Verkauf an neue Eigentümer mit Werbung vollgestopft, manche bremsen die gesamte Website aus. Jedes zusätzliche Plugin ist ein zusätzlicher Vertrauensvorschuss an einen Fremden.

Sicherheit. WordPress selbst ist inzwischen erstaunlich robust. Der Sicherheitsanbieter Patchstack dokumentiert in seinem Jahresbericht zur WordPress-Sicherheit Jahr für Jahr dasselbe Muster: Die allermeisten Schwachstellen stecken in Plugins und Themes, im Kern selbst wird kaum noch etwas gefunden. Das Problem ist also weniger WordPress als das, was darauf installiert wird, plus die schiere Verbreitung: Wer 42 Prozent des Webs betreibt, ist automatisch das lohnendste Ziel automatisierter Angriffe. Ein Login, eine Datenbank und ausführbarer Code auf dem Server sind Angriffsfläche, die es bei anderen Architekturen schlicht nicht gibt.

Performance. WordPress baut jede Seite bei Bedarf dynamisch aus der Datenbank zusammen. Das lässt sich mit Caching gut abfedern, aber es bleibt ein Pflaster auf einer Architektur-Eigenschaft. In den Core-Web-Vitals-Auswertungen realer Websites schneiden WordPress-Sites im Durchschnitt deutlich schlechter ab als moderne statische Frameworks. Ein sauber optimiertes WordPress kann schnell sein. Aber es muss dafür arbeiten, wofür andere Systeme nichts tun müssen.

Die richtige Frage ist nicht „Was kann die Plattform?“, sondern „Was kostet sie mich in drei Jahren an Pflege, Nerven und Ladezeit?“

Wofür WordPress die richtige Wahl ist

Aus all dem folgt ein klares Anforderungsprofil. WordPress spielt seine Stärken aus, wenn mehrere dieser Punkte zutreffen:

  • Du veröffentlichst häufig Inhalte, idealerweise mit mehreren Personen und redaktionellem Workflow.
  • Du brauchst Funktionen wie Shop, Mitgliederbereich, Buchungen oder Community, die als reife Plugins existieren.
  • Du willst Inhalte umfassend selbst pflegen und auch Seitenstrukturen eigenständig verändern.
  • Es gibt jemanden, der Updates, Backups und Sicherheit dauerhaft verantwortet, intern oder als gebuchte Wartung.

Ein Verlagsprojekt mit täglichen Artikeln, ein Vereinsportal mit Mitgliederbereich, ein wachsender Shop: Für solche Projekte ist WordPress nach wie vor eine sehr gute, oft die beste Wahl.

Aus eigener Erfahrung gehört noch ein Punkt dazu: Die modernen Werkzeuge im WordPress-Umfeld sind deutlich besser als ihr Ruf. Professionelle Page-Builder haben mit den zusammengeklickten Baustellen von vor zehn Jahren wenig gemein; in geübten Händen entstehen damit saubere, schnelle und gut strukturierte Websites. Das Problem war nie das Werkzeug allein, sondern die Kombination aus mächtigem Werkzeug und fehlender Sorgfalt. Die gibt es allerdings auf jeder Plattform.

Wofür es nicht die beste Wahl ist

Und dann gibt es den anderen, sehr häufigen Fall: die Unternehmens-Website mit fünf bis dreißig Seiten, deren Inhalte sich ein paarmal im Jahr ändern. Leistungen, Über uns, Referenzen, Kontakt, vielleicht ein gelegentlicher Blogartikel. Genau das Profil der meisten Selbstständigen und kleinen Unternehmen.

Für dieses Profil schleppt WordPress Gewicht mit, das nie gebraucht wird: eine Datenbank für Inhalte, die sich nicht ändern, einen Login, den niemand nutzt, zwanzig Plugins für Funktionen, die eine schlanke Architektur eingebaut hätte, und einen Wartungsvertrag für all das. Die Website wird dadurch nicht besser, nur teurer im Unterhalt und langsamer im Betrieb. Es ist, als würdest du für den Wochenendeinkauf einen Vierzigtonner leasen: Er kann alles, was du brauchst, aber du bezahlst dauerhaft für Kapazitäten, die nie zum Einsatz kommen, und die Wartung eines LKW gibt es nicht geschenkt.

Für solche Projekte setzen wir heute meist auf einen anderen Ansatz: Websites, die als fertige, statische Seiten ausgeliefert werden, schnell, wartungsarm und ohne Angriffsfläche. Was hinter diesem Ansatz steckt und für wen er passt, haben wir in einem eigenen Artikel beschrieben.

Die Kostenwahrheit über drei Jahre

„WordPress ist doch kostenlos“ gehört zu den hartnäckigsten Halbwahrheiten der Branche. Die Software kostet nichts, ihr Betrieb schon. Eine ehrliche Rechnung umfasst mindestens vier Posten:

  • Lizenzen. Die guten Plugins und Themes, mit denen professionell gearbeitet wird, sind fast alle kostenpflichtig, als Jahresabo. Bei einer typischen Firmen-Website kommen schnell mehrere Abos zusammen.
  • Hosting. WordPress braucht einen Server mit PHP und Datenbank, und für ordentliche Ladezeiten kein Billig-Paket. Statische Websites laufen dagegen auf einfachster, teils kostenloser Infrastruktur.
  • Wartung. Updates, Backups, Sicherheits-Monitoring, Konflikte lösen. Entweder als monatlicher Wartungsvertrag oder als eigene Arbeitszeit, die ehrlicherweise auch Geld ist.
  • Reparaturen. Der Posten, den niemand budgetiert: die kaputte Seite nach einem Update, das gehackte Plugin, der Umzug, weil das alte Theme nicht mehr weiterentwickelt wird.

Nichts davon ist ein Skandal, das ist der normale Preis für ein dynamisches System. Der Fehler liegt woanders: Diese Kosten werden beim Projektstart selten ausgesprochen, und dann wirkt das günstige Erstangebot wie der Gesamtpreis. Beim Vergleich zweier Angebote lohnt deshalb immer die Frage: Was kostet mich diese Website im Jahr drei, nicht im Monat eins?

Werkzeugfrage, nicht Glaubensfrage

WordPress hat das offene Web mit aufgebaut, und es bleibt für inhaltsgetriebene, funktionsreiche Projekte eine ausgezeichnete Plattform. Wer dir pauschal erzählt, WordPress sei tot, verkauft dir genauso eine Vereinfachung wie jemand, der jede Anfrage reflexhaft mit WordPress beantwortet.

Die ehrliche Reihenfolge ist eine andere: erst das Anforderungsprofil, dann das Werkzeug. Wie oft ändern sich Inhalte? Wer pflegt sie? Welche Funktionen braucht die Seite wirklich, nicht hypothetisch? Wer trägt die Wartung? Aus diesen Antworten ergibt sich die Plattform fast von selbst, und manchmal ist es WordPress, manchmal bewusst nicht.

Wenn du vor genau dieser Entscheidung stehst, ob Neubau oder Relaunch einer bestehenden Seite, sprich uns an. Wir haben beide Welten von innen gesehen und beraten dich anhand deines Projekts, nicht anhand unserer Vorlieben.

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